Medina

 

Von Stefan Dorra

Ein Spiel von Hans im Glück

Ab 10 Jahren, ca. 60 Minuten für 3-4 Spieler

 

WIN Wertung: 

* SS III U AAAA MM K  3-4 (3-4) m

 

Medina

 

Anlässlich der Nürnberger Messe fand noch die Diskussion statt, ob dieses Spiel mit oder ohne Sand geliefert wird. Hans im Glück war zu diesem Zeitpunkt ernsthaft am Überlegen ein Säckchen Sand beizupacken. Allen die dieser Diskussion beigewohnt haben, sei gesagt, der Sand wird nicht mitgeliefert. Medina hat sich jedenfalls mehr Aufmerksamkeit verdient als die Frage ob Sand in der Schachtel ist. Die ganz hervorragende Ausstattung lässt mich frohlocken, denn 169 Holzteile in einem Spiel sind sicherlich rekordverdächtig. Diese bestehen aus 80 Gebäuden in 4 Farben, 16 Dächer in 4 Spielerfarben gelb, rot, blau, grün, 12 weiße Ziegenställe, 25 weiße Spielfiguren, 32 weiße Mauern und 4 weiße Türme. Des weiteren befinden sich in der Schachtel ein Spielplan auf dem sich ein Raster 16x11 Felder befindet, die wiederum von einer Reihe Mauerfeldern umgeben sind. An den Ecken befinden sich die Turmplätze die mit den Werten 1-4 markiert sind. Mit den 4 Sichtschirmen, 4 Turmtafeln und 4 Palasttafeln haben wir dann alles um eine Partie Medina zu spielen.

 

Die Spieler repräsentieren Architekten und Baumeister die Anfang des 19. Jahrhunderts die verfallene Stadt wieder aufbauen und im alten Glanz erblühen lassen sollen. Die weißen Türme werden in den Ecken des Spielplans platziert. Der jüngste Spieler nimmt eine Spielfigur und platziert sie auf dem Plan, jedoch auf keinem Mauer oder Randfeld. Bei einem Spiel zu viert erhält jeder Spieler 4 Dächer in seiner Farbe die dieser vor seinem Sichtschirm platziert, 3 Ziegenställe, 6 Spielfiguren, 8 Mauern und 20 Gebäude in 4 Farben, schwarz, orange, grau und braun. Diese Teile werden hinter dem Sichtschirm verdeckt gehalten. Sollten nur drei Spieler teilnehmen erhält jeder 4 Dächer, 4 Ziegenställe, 8 Spielfiguren, 10 Mauern und 24 Gebäude in 4 Farben. Das Ziel des Spieles ist es 4 verschiedene Paläste in seinen Besitz zu bringen. Jeder Palast erhält Punkte für seine Größe, für Stadtmauern sowie angrenzende Ziegenställe und Spielfiguren.

 

Beginnend beim jüngsten Spieler nimmt jeder 2 beliebige Holzteile aus seinem Vorrat und setzt sie, bestimmte Bauregeln befolgend, auf den Spielplan. Das erste Gebäude jeder Farbe darf auf ein beliebiges Feld gesetzt werden. Jedes weitere Gebäude in dieser Farbe muss an das erste waagrecht oder senkrecht angrenzen. Es wird damit zum Palast. Sollte ein andersfarbiges Gebäude errichtet werden, so muss es zu allen anderen ein Feld waagrecht, senkrecht und diagonal Abstand halten, sodass eine Gasse entstehen kann. Wie groß ein Palast wird entscheiden die Spieler selbst, denn alle bauen an allen Palästen. Solange auf einem Palast noch kein Dach liegt gehört er keinem Spieler. Ab dem Zeitpunkt wo ein Dach auf dem Palast platziert wird, darf kein Gebäude mehr angebaut werden. In diesem Fall kann man ein neues Gebäude und in weiterer Folge einen Palast an einer anderen Stelle des Plans errichten. Sollte der Fall eintreten, dass es auf Grund eines Platzmangels nicht möglich ist den Palast zu vergrößern, kann ebenfalls an einer anderen Stelle ein neuer derselben Farbe begonnen werden. Sobald ein Spieler eines seiner Dächer auf einen Palast setzt, gehört ihm dieser.

 

Im weiteren Spielverlauf muss so jeder versuchen 4 verschiedenfärbige Paläste zu bauen. Jedes Gebäude in einem Palast zählt einen Punkt und wenn man Ziegenställe anschließt oder Mauern daran baut oder die Marktgasse an seinem Palast vorbeiführt, erhält man Extrapunkte. Die Ziegenställe kann man nur direkt an ein Gebäude waagrecht oder senkrecht anbauen. Es muss sich dabei nicht unbedingt um einen eigenen Palast handeln. Aus spieltaktischen Erwägungen kann es durchaus sinnvoll sein einen Stall beim Gegner zu bauen, um Räume einzuschränken. Jeder Ziegenstall bringt einen Punkt. Die Abstandregel wird auch hier angewandt. Wenn man eine Spielfigur einsetzen möchte, so ist darauf zu achten, dass sie immer nur an eines der beiden Enden der bereits vorhandenen Spielfigurenschlange platziert werden darf. Dadurch entsteht eine lange Schlange. Die neu platzierte Figur darf nur an eine und nicht an zwei bereits vorhandene Figuren angrenzen. Wenn die Schlange in eine Sackgasse kommt, wird nur noch am anderen Ende gebaut. Sollte auch dies nicht mehr möglich sein, dann darf eine neue begonnen werden. Die Mauern werden immer von den Türmen ausgehend platziert. Zwei Mauern die von unterschiedlichen Türmen ausgehen dürfen nicht zusammenwachsen und es muss mindestens ein Feld, das Tor, frei bleiben. Schließlich wollen die Bewohner Medina auch wieder verlassen können. Die Abstandregel kommt hier nicht zum Tragen. Grenzt ein Palast an ein Mauerteil, so erhält man pro waagrechter und senkrechter Berührung einen Punkt.

 

Derjenige der einen Palast einer Farbe das erste Mal in Besitz genommen hat, erhält die dazugehörige Palasttafel. Sollte im Verlauf des Spieles einen anderen Mitspieler gelingen einen größeren Palast zu bauen, wechselt die Tafel den Besitzer. Die Größe eines Palastes setzt sich aus der Anzahl der Gebäude und der Ziegenställe zusammen. Die Punkte auf den Tafeln werden am Ende des Spieles den Besitzer gutgeschrieben. Der graue Palast ist einen Punkt wert, der schwarze zwei, der braune drei und der orange vier Punkte. Die Turmtafeln werden immer dann vergeben, wenn ein Spieler einen Palast in Besitz nimmt, der an eine Stadtmauer des jeweiligen Turms grenzt. Nimmt im weiteren Spielverlauf ein anderer Spieler einen Palast in seinen Besitz, der an diese Stadtmauer grenzt, so wechselt die Tafel ihren Besitzer. Die Größe der Paläste ist dabei nicht relevant. Sollte der Palast bereits an einen Spieler vergeben sein und die Mauer wird erst im nachhinein durch einen der Spieler an diesen Palast gebaut, so wird die Tafel an den neuen Besitzer weitergegeben. Dies kann auch dadurch geschehen, dass der Palast durch einen Stall erweitert wird und dieser direkt an die Mauer grenzt.

 

Wenn alle Spieler einen Palast einer Farbe besitzen, kommen die verbliebenen Teile dieser Farbe sofort aus dem Spiel. Sollte ein Spieler kein Spielmaterial mehr besitzen, so legt dieser seinen Sichtschirm zur Seite und kann somit keinen Zug mehr ausführen. Sollte man nur noch ein Holzteil besitzen, so kann natürlich dieses eine auch verbaut werden, obwohl ja sonst immer zwei platziert werden müssen. Wenn ein Spieler nur noch Dächer besitzt, muss er pro Runde ein Dach setzen. Wenn keiner mehr Spielmaterial besitzt ist das Spiel zu Ende. Bei der anschließenden Wertung erhält man für jedes Gebäude in einen seiner Paläste einen Punkt, für jeden angrenzenden Stall einen weiteren, für jedes waagrecht oder senkrecht angrenzende Mauerteil einen Punkt und für jede Spielfigur die direkt, nicht diagonal, an ein Gebäude grenzt ebenfalls einen Punkt. Die addiert man mit den Sonderpunkten der Palast- und Turmtafeln und der mit den meisten hat das Spiel gewonnen.

 

Medina besticht sicherlich durch seine großartige Holzausstattung und wer dieses Spiel zu Ende gespielt hat, wird eine sehr hübsch gebaute Stadt vorfinden. Ich war so beeindruckt, dass ich das Spielbrett nicht abräumen wollte. Die einzige Kritik die anzubringen wäre, die Spielfiguren könnten etwas größer sein. Natürlich stimmt dann die Relation am Brett nicht, aber sollte jemand den Versuch machen eine Figur in eine Gasse zu setzen die an zwei Seiten Gebäude hat, kann es leicht passieren, dass durch Unvorsichtigkeit man von vorne beginnen muss. Dies ist keine Empfehlung wie man eventuell ein nicht gut laufendes Spiel abbricht. Die Regeln sind einfach und lassen keine Fragen offen. Auch die Zugmechanismen sind klar nachvollziehbar.

 

Das Schwierige an Medina ist es, den Überblick zu bewahren. Man muss schon über ein sehr gutes Gedächtnis verfügen um sich alle Spielsteine der Gegner zu merken, welche diese gesetzt haben. Bis zum siebenten Zug wussten wir nicht was wir tun sollten und man konnte auch keine Richtungen der Mitspieler feststellen und man braucht eine doppelte Buchhaltung um auf dem laufenden zu bleiben wie viele Ställe, Mauern oder Figuren noch jeder besitzt. Dadurch gewinnt man sehr rasch den Eindruck, dass es keine Strategie-Möglichkeiten gibt und durch die viele Interaktion der Glücksfaktor sehr groß wird. Dies kann ich in der Anfangsphase des Spieles voll bestätigen, aber je länger es dauerte und je mehr man sich gemerkt hat um so taktischer wurde es. So man alles überblickt und gegen Ende des Spieles noch genügend Mauern und Figuren besitzt, denn dies sind die einzigen die noch Platz auf dem Spielplan finden, wird man sicherlich um den Sieg mitspielen. Die Wahrscheinlichkeit, dass im Laufe des Spieles die Palasttafeln den Besitzer wechseln ist sehr gering aber möglich. Man ist zu Beginn des Spieles darauf aus, einen Palast zu bekommen, der 5 oder 6 Gebäude umfasst. Da es auf dem Spielplan im Verlauf des Spieles aber immer enger wurde, waren auch die neu gebauten Paläste kleiner. Die Turmtafeln können sehr oft den Besitzer wechseln. Es ist darauf zu achten, dass man die Mauern so spät als möglich baut. Ich glaube sogar dass durch diese Teile, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt gespielt werden, das Spiel entschieden werden kann. Ein in der Mitte des Randes platzierter Palast kann sogar zwei Turmtafeln erhalten, er muss nur mindestens drei Felder lang sein.

 

Medina ist von der Regel ein einfaches Spiel, aber in der Durchführung sehr komplex und abstrakt. Ich persönlich frage mich wie ein 10-jähriger damit klarkommen soll. Meiner Meinung nach ist dieses Spiel nur für eine bestimmte Gruppe geschaffen und ich denke wir Spielefreaks werden unsere Freude daran haben. Wann immer man dieses Spiel spielt, man sollte sehr gut auf die Zusammenstellung der Spielegesellschaft achten. Denn wenn sich ein Mitspieler darin befindet der taktisch nicht ebenbürtig ist, wird es für diesen zu einem lästigen Fiasko und auch die anderen werden durch unlogische Spielzüge aus dem Konzept gebracht werden. Die Meinungen der Personen, die Medina bereits gespielt haben, gehen so weit auseinander wie bereits lange nicht mehr. Von „absolutes Spitzenspiel“ bis zu „völliger Unsinn“ habe ich alles wahrgenommen. In Medina finden wir auch eines dieser Spiele, wo man am Ende einer Partie sofort eine neue spielen möchte, da man alles falsch gemacht hat und unbedingt noch die eine oder andere taktische Variante versuchen will. Für Interessierte die gerne einmal zu zweit spielen möchten, findet sich die Anleitung im Internet. Medina ist kein Familienspiel, obwohl sicher Ausnahmen die Regel bestätigen. An dieser Stelle kommt auch wieder der Sand ins Spiel. Ich brauche ihn nicht in der Schachtel, denn bei meiner Spielweise war der Sand im Getriebe.