Unsere Rezension

 

Das Leben ein Dorf

 

My Village

 

Gelebte Dorfgeschichte

 

Hoch hinaus wollen wir als Oberhaupt unseres Dorfes, denn nur mit eifrigen Bürgern, die emsig und standhaft ihren Weg gehen, wird unser Dorf gedeihen und uns am Ende durch die Mehrheit an gesammelten Geschichtspunkten die ruhmreichste aller Dorfgeschichten schreiben lassen. Dafür gibt es viele Wege der Entwicklung, aber nur eine begrenzte Menge an Zeit, denn irgendwann erwartet auch den tüchtigsten Dorfbewohner Gevatter Tod und führt diesen zur ewigen Ruhe.

 

Letzteres darf man im im Spiel My Village von Inka und Markus Brand dann durchaus wörtlich verstehen, denn neben der in mittelalterliche Lebensbereiche gegliederten Dorfentwicklung ist Zeit das zentrale Konzept im Spiel, verbraucht doch jede Entwicklung, die das Dorf durch seine Bewohner in einem bestimmten Bereich erfährt, ein unwiederbringliches Maß an Zeit. Diese wird im Spiel durch einen Sensenmann repräsentiert, den jeder Spieler auf seinem persönlichen Dorfplan vorfindet und der bei so gut wie jeder möglichen Aktion auf einer kreisförmigen Bahn weitergeschoben wird. Jedes Mal wenn er diese vollständig umkreist hat, muss sich der betreffende Spieler dafür entscheiden, einen seiner Dorfbewohner von seinem persönlichen Dorfplan in ein noch leeres Grab des Friedhofes zu versetzen, welcher sich auf den allen Spielern gemeinsam zukommenden Zentralplan befindet. Das Dilemma dabei: In jedem Bereich seines Dorfes hat ein Spieler immer nur einen Dorfbewohner. Ist dieser gestorben, so ist eine weitere Nutzung bzw. Entwicklung des jeweiligen Bereiches nicht mehr möglich. Natürlich kann man auf Nachwuchs warten, der den Dahingeschiedenen ersetzt, doch muss dieser zuerst aufwachsen und ausgebildet werden, was wiederum wertvolle Spielzüge braucht, die man gut und gern für die Dorfentwicklung verwendet hätte.

 

Doch welche Bereiche gibt es nun, in denen sich das Dorf entwickeln kann? Zur Wahl stehen hierfür die Bereiche Handwerk, Kornfeld, Kundenauftrag, Reise, Geistlichkeit (mit den Unterbereichen Kirche und Mönch) und Dorfpolitik (mit den Unterbereichen Rathaus und Versammlung), wobei jeder Bereich bzw. Unterbereich durch eigene Karten repräsentiert wird, welche neben dem Zentralplan ausliegen und die von den Spielern in ihren Spielzügen erworben und anschließend benutzt werden können. Jeder Bereich. bzw. Unterbereich kann dabei mit eigenem Mechanismus aufwarten: mit den Erträgen der Handwerkskarten lassen sich die “Kosten” von Kundenauftrags-, Reise- und Mönchskarten erwirtschaften, Kornfelder bringen sichere Siegpunkte und Mehrzweck-Münzen, Kundenauftrags-, Reise- und Mönchskarten sichere Siegpunkte am Spielende und Kirchen-, Rathaus- und Versammlungskarten dauerhafte, Mönchskarten hingegen nur einmalige und sofort einzusetzende Effekte.     

 

In seinem Zug kann ein Spieler allerdings immer nur entweder 1 Karte erwerben - sofern er sich deren Kosten leisten kann bzw. möchte - und diese an seinen persönlichen Dorfplan anlegen, oder aber stattdessen eine beliebige Anzahl an bereits erworbenen und an seinen eigenen Dorfplan ausliegenden Karten nutzen. Voraussetzung für beides ist, dass der Spieler einen der aufgedruckten Bannerwerte der zu kaufenden bzw. nutzenden Karten bilden konnte. Um das zu bewerkstelligen, muss er sich von den zu Rundenanfang gewürfelten 11 Würfeln (8 weiße Würfel und 3 schwarze Würfel) genau zwei aussuchen, deren Summe an Augenzahlen dem gewünschten Bannerwert entspricht. Ist ihm die Auswahl dabei nicht verlockend (etwa weil er einen der 3 schwarzen Würfel, die extra Lebenszeit verbrauchen, nehmen müsste), kann ein Spieler durch Einsatz von Münzen oder Versammlungsplatzmarkern den Würfelwert verändern, bevor er schließlich, wenn alles nichts mehr hilft, seinen Zug mit einem anderweitigen Bannerwert nutzen muss. Das Aktivieren der “Startspielerhand”, mit der man ab dem nächsten Zug Startspieler wird, kostet zwar einen gesamten Zug, ist deshalb lukrativ, erhält man doch im nächsten Zug die größte Auswahl an verfügbaren Würfeln.

 

Zusätzlich erhält man mit dieser aber auch alle Geschichtspunkte, die sich mit jeder bisherig gespielten Runde in der Startspielerhand angesammelt haben als potentielle Siegpunkte. Richtig gelesen, potentielle Siegpunkte. Denn in My Village wird strikt in sichere und in potentielle Siegpunkte unterschieden. Für beide werden zwar dieselben Pappmarker verwendet, doch während Erstere unmittelbar im Haupthaus des eigenen, persönlichen Dorfplanes platziert werden und im weiteren Verlauf nicht mehr verloren gehen können, werden Letztere zuerst auf den dorfeigenen Geschichtsbaum gelegt. Sie können erst ins sichere Haupthaus übertragen werden, wenn man mit seinem Oberhaupt - der einzigen besonderen Spielfigur auf seinem Dorfplan (sieht man mal vom Gevatter Tod ab, den man ja nur als indirekte Folge ”steuert”) - erneut das Haupthaus erreicht. Bis dahin sind die Geschichtspunkte nicht sicher und können stets einer Rattenplage zum Opfer fallen, die immer dann geschehen kann, wenn bei irgendeinem der Mitspieler ein Dorfbewohner stirbt und dadurch den Rattenmarker zum Vorwärtszug veranlasst. .     

 

My Village, dass bereits auf den ersten Blick an das 2012 zum Kennerspiel gewählte und ebenfalls von Inka und Markus Brand erdachte “Village” erinnert, endet sodann, wenn eine spieleranzahlabhängige Zahl von Dorfbewohnern gestorben ist und im Friedhof seine Ruhe gefunden hat. Dann werden die gesammelten Geschichtspunkte mit jenen, die man durch erfüllte bzw. gekaufte Karten erhält, zusammengezählt und der Sieger gekürt. Im Gegensatz zum Vorgänger Village entfallen die teils hohen Siegpunkte für das frühzeitig geschickte Sterbenlassen der eigenen Dorfbewohner, da diese bereits im Laufe des Spiels als unsichere Geschichtspunkte vergeben werden. Auch sonst teilt My Village mit seinem Vorgänger zwar thematisch Ideen und Wesenszüge, ist aber aufgrund der gänzlich neuen Grundmechanik der Würfelselektion, der Verlagerung auf solitäre Dorfpläne und der zusätzlichen Spielelemente wie der Rattenplage eher als eigenständiges Spiel zu sehen, dessen im Vergleich geringere Interaktivität dafür durch erhöhte Komplexität bei der Entwicklung des Dorfes ersetzt wird. Damit weist sich My Village als gehobenes Familien- und insbesondere Vielspielerspiel aus, das Dank der überdimensionierten Karten nicht nur eines immensen Platzes, sondern zugleich eines kombinatorischen Geistes bedarf um sein volles Potential am Spieltisch ausloten zu können.   

 

 

Bernhard Tischler

 

Spieler: 2-4

Alter: 12+

Dauer: 90+

Autor: Inka und Markus Brand

Grafiker: Dennis Lohausen

Preis: ca. 33 Euro

Verlag: eggertspiele / Pegasus 2015

Web: www.pegasus.de

Genre: Würfel, Drafting

Zielgruppe: Mit Freunden

Version: de

Regeln: de en fr it nl

Text im Spiel: nein

 

Kommentar:

Nachfolgespiel zu Village

Gleiches Thema

Völlig andere Mechanismen

Weniger Interaktion

 

Vergleichbar:

Village, Siedler von Catan - Das Kartenspiel

 

Andere Ausgaben:

Clochemerle, Gigamic; uplay.it; Stronghold Games; Mijn Dorp, 999 Games

 

Meine Einschätzung: 6

 

Bernhard Tischler:

Weniger Interaktion, dafür mehr Kombination: Die Umstellung der Spielmechanik macht aus My Village ein völlig eigenständiges Spiel, das nur mehr die spielthematischen Elemente des einstigen Kennerspiel des Jahres, “Village”, gemeinsam hat, ansonsten aber eine gänzlich neue Erfahrung bietet. Ein komplexes Fest für Kombinierer und Puzzler!

 

Zufall (rosa): 1

Taktik (türkis): 2

Strategie (blau): 3

Kreativität (dunkelblau): 0

Wissen (gelb): 0

Gedächtnis (orange): 0

Kommunikation (rot): 0

Interaktion (braun): 1

Geschicklichkeit (grün): 0

Action (dunkelgrün): 0